junge Welt vom 01.10.2005
 
Wochenendbeilage

Die Angst vor den Uniformen

Weit über 500 Anschläge gab es auf das Friedensdorf San José de Apartadó in Kolumbien. Die Bewohner wollen trotzdem nicht weichen. Von Leila Dregger

Leila Dregger
 
Nur zwei Kilometer außerhalb des kolumbianischen San José de Apartadó liegt San Josesito. Beide Gemeinden haben sich in einem »Friedensdorf« zusammengeschlossen. So schnell wie der Regenwald hier wuchert, so schnell wuchsen auch die Holzhütten in den letzten Monaten. 400 der Einwohner des Friedensdorfes hatten sie eiligst aufgebaut. Nachdem im April eine Polizeieinheit San José besetzt hatte. Die Bewohner des Friedensdorfes San José fühlen sich von den uniformierten Einheiten bedroht. Dabei hatten sich die Menschen hier Sicherheit vor den bewaffneten Gruppen jeder Couleur erhofft: den Paramilitärs, der Armee, der Guerilla. Sicherheit vor dem Bürgerkrieg, dessen Schüsse und Explosionen jeden Tag zu hören sind.

Sicherheit wird hier vor allem durch Öffentlichkeit geschaffen. Un so begann am 21. September das »Fest des Lebens« in San José. Die ersten Gäste sind bereits eingetroffen: Friedensaktivisten aus Spanien, Journalisten aus Kolumbien, Freunde aus Mexiko, Menschenrechtler aus Italien und Brasilien, Ökologen aus Deutschland und England. Am 21. September war es genau sieben Monate her, daß acht Dorfbewohner bestialisch ermordet wurden. Zeugen beteuern, es seien »uniformierte Gruppen« gewesen, von denen die Familien getötet wurden. Sie sind sich sicher: Es war eine gemeinsame Aktion von Militär und Paramilitär. Aber diese Morde kamen ebenso wenig zur Anklage wie die 530 Überfälle auf das Dorf in den vergangenen Jahren.

Den ganzen Sommer über besuchten der Bauer Jesus Emilio Tuberquia (40) und die Lehrerin Maria Brigida Gonzales (53) Menschenrechtsgruppen in vielen Teilen der Erde. Sie berichteten von San José, damit ihr Dorf nicht in Vergessenheit gerät. Denn das wäre, wie die beiden wissen, ihr Todesurteil.

Maria kommen die Tränen, als Jesus mit monotoner Stimme erzählt, wie im Februar 2005 ihr Dorfsprecher Luis Eduardo Guerra zunächst getötet und dann mit einer Machete zerstückelt wurde. Mit ihm starben sieben weitere Menschen, darunter drei Kinder, die auf dem Heimweg von ihren Feldern abgefangen und ebenfalls zu Tode gefoltert wurden. Wer, wann, wo auf seinen Mörder traf, wie man die Leichen fand Jesus redet und redet, als ob das Sprechen eine Therapie sei. Ein Versuch, sich von dem Entsetzen zu reinigen.

Eine Reinigung, die im eigenen Lande nicht möglich ist: »In Kolumbien die Wahrheit zu sagen, bedeutet, den Tod zu suchen«, sagt Maria. »Vielleicht sieht man mir meine Traurigkeit an«, sagt Jesus. »Aber ich habe zu oft erlebt, wie Menschen, mit denen ich auf dem Feld zusammengearbeitet habe wie mit Brüdern, ermordet wurden.«

Er selbst überlebte nur knapp, hatte schon eine Machete am Hals, als der Mann in Uniform ihn auf einmal wieder gehen ließ. »Trotzdem werden wir bleiben«, sagt er fast trotzig. »Es ist unser Land, und wir wollen nichts anderes, als in Frieden unsere Felder anbauen.«

»Schon die kleinen Kinder werden bedroht und weinen, wenn sie nur einen Mann in Uniform sehen«, berichtet Maria Brigida Gonzales. »Und dennoch: Mit jedem Samen, den wir in die Erde legen, legen wir einen Samen der Hoffnung für Kolumbien.«

Die Gewalt des Bürgerkrieges setzt sich in Kolumbien oft in den Familien fort. Auch Maria, die ehemalige Textilarbeiterin, hat eine Geschichte des Leidens hinter sich. Ihr Mann, den sie mit 17 Jahren geheiratet hatte, schlug sie. Das ertrug sie, doch als er ihr erstes Kind schlug, verließ sie ihn. In der Fabrik hatte sich gewerkschaftlich engagiert und war dafür entlassen worden. Ihr zweiter Mann wurde von Unbekannten umgebracht. Ihre älteste Tochter gehört seit vier Jahren zu den »Verschwundenen«. Die Hoffnung, sie einmal wiederzusehen, mag Maria nicht aufgeben. In San José fand sie eine neue Heimat. Hier ist die inzwischen siebenfache Mutter, die mit Mühe selbst lesen und schreiben kann, Lehrerin für die Kinder. In bunten Zeichnungen malt sie die Geschichte des Dorfes auf: Lebensmittelblockaden, neue Häuser. Und immer wieder Namen von Toten und Verschwundenen.

Dabei könnte San José de Apartadó im äußersten Norden des Landes reich sein. Boden und Klima sorgen für üppige Fruchtbarkeit, Bananen und Kakao wachsen fast von selbst. Aber die ebenfalls vorhandenen Bodenschätze und die strategische Lage unmittelbar an der Grenze zu Panama machen die Region zu einer der gefährlichsten Zonen Kolumbiens. Seit vierzig Jahren herrscht hier Bürgerkrieg. Militär, Paramilitär, Polizei, Guerilla und organisierte Kriminalität kämpfen mit wachsender Brutalität. Opfer ist immer die Zivilbevölkerung.

Überleben im Krieg

»Es gibt nicht Vertriebene, weil es Krieg gibt, es gibt Krieg, weil man die Leute vertreiben will«, sagt Hector Mondragon, ein kolumbianischer Wirtschaftswissenschaftler. Die paramilitärischen Banden, ursprünglich von den Großgrundbesitzern aufgebaut, finanziert und trainiert, machen die Schmutzarbeit für die offizielle Armee. So sieht es in San José jeder. Aber auch mit den bewaffneten Oppositionsgruppen möchten sie nicht kooperieren, denn auch von der Guerilla sind sie enttäuscht. Statt die Interessen der einfachen Menschen zu vertreten, hätten sie selbst angefangen, Zivilisten umzubringen, zu foltern und zu entführen, wenn sie diese des Verrats verdächtigten. »Die beiden Seiten werden einander immer ähnlicher«, faßt Jesus zusammen, was hier viele denken.

Doch wie überlebt man in diesem Krieg? Die Einwohner von San José, allesamt einfache Bauern und ehemalige Fabrikarbeiter, entschieden im Jahre 1997 auf Anraten der Kirche, ein sogenanntes Friedensdorf zu gründen. Wie die anderen elf Friedensgemeinden des Landes verzichten sie auf Waffen, auf Drogen jeder Art und auf jegliche Kooperation mit einer der bewaffneten Gruppen. Das war am 23. März 1997. Am 28. März 1997, fünf Tage später, wurden sie zum ersten Mal vom Militär bedroht. Doch nach jedem Angriff kehrten sie wieder zurück.

Inzwischen sind acht Jahre sind vergangen. 164 Mitglieder ihres Dorfes wurden seitdem ermordet. Viele davon so grausam wie bei einem Ritualmord, viele davon Kinder. 530 mal wurde das Dorf überfallen, ihre Ernte gestohlen, Lieferungen von Lebensmitteln blockiert, Frauen vergewaltigt, Kinder entführt und Männer gefoltert. Nicht eines dieser Verbrechen wurde vor Gericht auch nur verhandelt.

Statt die Einwohner von San José zu schützen, verdächtigte Staatspräsident Alvaro Uribe sie im März diesen Jahres sogar, selbst an den Massakern beteiligt zu sein. Er sagte: »Die Einwohner von San José sind gute Menschen, aber einige von ihnen kooperieren mit der FARC (der größten Guerilla-Gruppe Kolumbiens, d. Red.).« Mit dieser Aussage machte er die Dorfbewohner de facto zu Vogelfreien.

»Ein solcher Vorwurf ist doch absurd«, schimpft Rita Cruz. Die portugiesische Aktivistin von der Menschenrechtsorganisation Peace Brigades International lebte ein Jahre in San José. »Jeder, der das Dorf kennt, weiß, daß seine Einwohner absolut friedliche Menschen sind, die nichts anderes wollen, als auf ihrem Land zu leben. Es gibt kein einziges Gewehr im Dorf.«

Scheinmanöver

Alvaro Uribe Velez ist kein Fremder in der Region des Friedensdorfes. Er stammt aus einer traditionsreichen Großgrundbesitzerfamilie in Urabá und war zur Zeit der Gründung des Friedensdorfes Gouverneur des Bundesstaates Antiochia. Sein Vater wurde im Jahr 1983 von Guerillas der FARC erschossen. Ihm selbst sagt man eine eigene Verflechtung in die paramilitärischen Strukturen nach. Seine Familienranch war, so sagen Zeugen von damals, lange Zeit ein Trainingszentrum paramilitärischer Einheiten.

Heute, als Präsident, fährt Uribe gegen Guerilla-Gruppen eine harte Linie. Mit den Paramilitärs begann er gleich nach seinem Amtsantritt intensive Dialoge. Diese mündeten in einen Demobilisierungsplan. Schon 2500 Paramilitärs haben ihre Waffen in offiziellen Zeremonien abgegeben. Aber internationale Beobachter wiesen nach: Dies seien nur Scheinmanöver mit angeheuerten Jugendlichen. Die wirklichen paramilitärischen Strukturen blieben bestehen. Sogar das erbeutete Gut darf oft behalten werden. Trotz angeblicher Waffenruhe und scheinbarer Entwaffnung lassen die Überfälle auf die Zivilbevölkerung nicht nach.

Beobachter kritisieren auch das »Gesetz für Wahrheit und Gerechtigkeit«, das am 21. Juni 2005 verabschiedet wurde und das der scheinbaren Entwaffnung der Paramilitärs einen legalen Rahmen geben soll. »Die Verbrechen der Paramilitär bleiben de facto straffrei. Die Strukturen der Paramilitärs bleiben bestehen, ungestraft können ehemalige Gewalttäter sogar einflußreiche Posten in der Gesellschaft übernehmen«, sagte die kolumbianische Menschenrechtsanwältin Adriana Arboleda Betancour noch im September in Berlin.

Uribe wirbt unterdessen um Unterstützung für seine Strategie. Besonders von seinen engsten Verbündeten Bush und Blair wird er für seinen »Krieg gegen den Terror« gefeiert.

Bei dem letzten Treffen des Lateinamerika-Rates der EU in Brüssel, wurde am 6. September über eine finanzielle Unterstützung Europas für Uribes Politik nachgedacht. Die Entscheidung wurde schließlich auf den 11. Oktober vertagt. »Wir werden diese Zeit nutzen, um verstärkt auf die Gefahren dieses Gesetzes aufmerksam zu machen«, sagt Betancour. Ebenso wie Amnesty International und viele andere Beobachter warnt sie entschieden vor einer Straffreiheit für Paramilitärs. Dies sei ein »völlig falschen Signal«.

Gloria Cuartas, Sozialarbeiterin und ehemalige Bürgermeisterin der Bezirkshauptstadt Apartadó sagt es noch klarer: »In Wirklichkeit geht es bei Uribes Politik nicht um Demobilisierung der Paramilitärs, sondern um eine Paramilitarisierung der Gesellschaft.«

Fest des Lebens

Welche Chancen haben die Einwohner von San José de Apartadó aber auf ein friedliches Leben? Als ihr Dorf im April von einer Polizeieinheit besetzt wurde, zogen sich 400 von ihnen im April auf ein anderes Gelände zurück und bauten ein komplett neues Dorf. Hier, so ihre Idee, wollen sie zeigen, wie man mitten in Kolumbien ein friedliches Leben führen kann. Die Struktur ihres Dorfes könnte von Besuchern von außerhalb als urkommunistisch oder urchristlich wahrgenommen werden. Aber die gemeinschaftlichen Arbeitstage auf den Feldern, die gemeinsame Erziehung der Kinder durch Lehrer, die sich selbst erst das Lesen und Schreiben beibringen mußten, sind ein Gebot der Situation.

Die Realität des Dorfes ist, daß es Hilfe braucht. Das schrieben auch Mitglieder der »Ärzte ohne Grenzen« nach einem Besuch: »Viele Kinder sind traumatisiert; die fehlende Versorgung mit Strom, sauberem Wasser und medizinischer Versorgung führt zu Krankheiten und Mangel.«

Doch die Bewohner geben nicht auf. Ihre Idee ist es, mit internationaler Hilfe ein ökologisches Modelldorf aufzubauen. Organische Landwirtschaft, Energie durch Solaranlagen, Architektur aus Lehm und Holz, Wasseraufbereitung nach neuesten ökotechnologischen Erkenntnissen ein solches Modelldorf würde die Aufmerksamkeit internationaler Fachleute dauerhaft auf sich ziehen. Und internationale Präsenz ist bis heute der wirksamste Schutz im Bürgerkrieg.

»Wir produzieren erstklassige organische Bananen und Kakao«, sagt Jesús. »Für die Verarbeitung brauchen wir Strom und sauberes Wasser. Fachleute aus Europa haben zugesagt, Solaranlagen aufzubauen und so zu helfen.«

»San José Solar« ist der Name des Vorhabens, das in der Tat von europäischen Spezialisten zur Zeit durchdacht wird. Physiker und Solarspezialist Jürgen Kleinwächter: »Es darf nicht sein, daß diese Menschen so bedroht sind und die internationale Gemeinschaft dazu schweigt. Wir können helfen, und wir werden auch helfen.« Der SPD-Bundestagsabgeordneter und Träger des Alternativen Nobelpreises Hermann Scheer hat zugesagt, für das Projekt die Schirmherrschaft zu übernehmen.

So sind inzwischen viele Menschen nach San José gekommen. Katja Müller, früher Hausbesetzerin in Berlin, heute Studentin einer portugiesischen Friedensuniversität, ist ebenfalls derzeit in San José de Apartadó und nimmt am »Fest des Lebens« teil. Sie hilft in der Küche und zeigt den Bewohnern, wie man mit einfachen Mitteln Komposttoiletten aufbaut.

»Die hygienischen Zustände hier sind bislang grauenhaft«, sagt sie. Aber welche andere Möglichkeit haben die Bewohner? Wo sollen sie hin? In Kolumbien gebe es bereits vier Millionen Binnenflüchtlinge, und alle landen am Ende in den Slums der Großstädte. »Aber hier könnte mit internationaler Hilfe ein globales Dorf entstehen«, sagt Müller. »Wir können viel von diesen mutigen Menschen lernen. Aber ich bin froh, daß es auch Dinge gibt, die wir ihnen zeigen können. Und dazu gehören ganz einfache ökologische Techniken.«

 

-----------------------
Adresse: http://www.jungewelt.de/2005/10-01/037.php
Ausdruck erstellt am 08.10.2005 um 10:15:15 Uhr

 
© http://www.jungewelt.de | Website: http://www.warenform.net
 
Fenster schließen ]