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Das Friedensdorf San José de Apartadó muss leben!
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San José de Apartadó: Ein Öko-Friedensdorf als Same der Hoffnung im kolumbianischen Bürgerkrieg

Von Leila Dregger

 

Sommeruniversität 2005 in Tamera, Portugal. Menschen aus vielen Teilen Europas sind gekommen, die meisten von ihnen mit dem Ziel, Inspirationen für eine andere Lebensweise zu bekommen. Inspirationen über Ökologie, Solartechnologie, Architektur, über Zukunftsperspektiven und Zusammenleben. Aber zwei der Gäste sind anders als die anderen.

 

Dona Maria Brigida Gonzales und Jesus Emilio Tuberquia haben einen langen Weg zurückgelegt, und sie hatten allen Grund dafür: Bei ihnen könnte sich der Aufbau eines Ökodorfes als akute Überlebensfrage erweisen. Sie stammen aus dem Friedensdorf San José de Apartadó in Nordkolumbien.

Maria Brigida und Jesus Emilio sind kleine, einfach gekleidete Menschen mit brauner Haut. Jesus Emilio, 40, ist Bauer. Er kämpft darum, auf seinem Land bleiben und in Frieden Bananen und Kakao anbauen zu können, so wie es seine Familie seit jeher tat. Aber schon lange herrscht Bürgerkrieg in seiner Heimat.

„Vielleicht sieht man mir meine Traurigkeit an“, sagt er. „Ich habe so viele Menschen sterben sehen, die mit mir auf dem Feld gearbeitet haben wie Brüder.“

Maria Brigida, 53, ist Lehrerin im Friedensdorf San José de Apartadó. Sie weint, wenn Jesus Emilio über die Morde berichtet. Aber Sekunden später überzieht sich ihr Gesicht mit einem feinen Netz von Lachfalten, wenn sie aufgefordert wird,

das Lied ihres Dorfes zu singen.

„Inmitten des Krieges legen wir einen Samen der Hoffnung“, sagt sie. „Jeder Same, den wir in den Boden pflanzen, ist ein Zeichen der Hoffnung dafür, dass eines Tages die Welt des Krieges ersetzt sein wird durch die Welt des Friedens.“

 

Der Ressourcen-Reichtum, die Fruchtbarkeit und die wertvolle strategische Lage haben die Region Nordkolumbien zur Todeszone gemacht. Hochbewaffnete und nach vierzig Jahren Krieg gnadenlose Truppen von Soldaten, Guerillas, Paramilitärs

und Kriminellen kämpfen um die Vorherrschaft. Im Hintergrund stehen oft internationale Wirtschaftsinteressen an der Region. Die Zivilbevölkerung wird vertrieben. Tausende werden jedes Jahr entführt, gefoltert, ermordet. 3,5 Millionen Menschen wurden zu Flüchtlingen im eigenen Land; ehemalige Bauern

landeten in den Slums der Städte.

Mitten in Bürgerkrieg liegt das Dorf San José de Apartadó. Die 1350 Einwohner entschieden sich im März 1997 in einer feierlichen Zeremonie, ihre Gemeinde zu einem neutralen Ort zu machen, zu einer Friedensgemeinde, und so den Gefahren des Konfliktes zu entkommen. Sie verzichten auf Waffen und Drogen und kooperieren mit keiner der Konfliktparteien. Und dennoch: Wenige Tage danach wurden sie zum ersten Mal vertrieben. Immer wieder kehrten sie zurück. Seit Gründung des Friedensdorfes wurden 164 seiner Bewohner, darunter Kinder, Frauen und Männer, teilweise bestialisch ermordet. Keine der Konfliktparteien, keine Regierung schützte die Campesinos. Ihre Weigerung, Kooperation mit militärischen Einheiten zu kooperieren, ist für alle Parteien ein Dorn im Auge. Nicht einer der Mörder wurde bisher verurteilt oder auch nur vor Gericht gestellt. Nach dem letzten Massaker am 21. Februar diesen Jahres, das von Menschenrechtsorganisationen international angeprangert wurde, wurden bewaffnete

Polizeieinheiten in San José stationiert. 400 Bewohner von San José verließen daraufhin im April ihren Ort. Weder fühlten sie sich durch die Polizeipräsenz geschützt, noch konnten sie bewaffnete Einheiten auf ihrem „waffenfreien Gebiet“

tolerieren. Sie zogen ein paar Kilometer tiefer in den Wald und bauten ein komplett neues Dorf auf: San Josésito. Hier leben sie ohne öffentlichen Anschluss an Strom und Wasser und ohne Zugang zur medizinischen Versorgung oder Möglichkeit, ihre Agrarprodukte zu verkaufen. Aber der Boden ist fruchtbar.

 

Mitten in einer der schlimmsten und grausamsten Konfliktregionen der Welt hatten sie eine Idee, die vielen zunächst fremd und utopisch klang. Aber nach 40 Jahren

Bürgerkrieg ist nichts zu utopisch, um es ausprobieren. Die Idee besteht darin, aus ihrem Friedensdorf ein Modell-Ökodorf zu machen – ein Solar-Permakulturdorf inmitten des Krieges, mit der Unterstützung und permanenten Präsenz europäischer

Wissenschaftler und Ökologen. Ein multikultureller Same der Hoffnung für Kolumbien: San José Solar.

Sie und die zwölf weiteren Friedensgemeinden Kolumbiens hatten bereits vor zwei Jahren eine alternative „Universität des Lebens und des Widerstands“ gegründet. Sie tauschen praktisches Wissen untereinander aus, prominente Menschenrechtsorganisationen, kirchliche Gruppen und Oppositionelle unterstützen sie. Aber nur internationale, vor allem europäische Präsenz, so wissen sie aus Erfahrung, wird in Kolumbien so respektiert, dass die Angriffe auf das Dorf

unterbleiben. Mit diesen Gedanken reisten die beiden Vertreter in diesem Sommer durch Europa. Zur Sommeruniversität von Tamera kamen sie mit ihrer Anfrage genau zum richtigen Zeitpunkt.

Die meisten der 300 Teilnehmer, die ihnen zugehört hatten, fühlten den dringenden Wunsch, ihnen zu helfen. Unter ihnen gab es viele, die dies tatsächlich können: Referenten und Mitarbeiter des entstehenden Solar Village von Tamera, Spezialisten in den Bereichen Permakultur, Lehmbau, Ökologie,

Wassertechnik, Konfliktlösung, Öffentlichkeitsarbeit und Solarenergie. Mit der Anteilnahme am Schicksal des Friedensdorfes hatten sie einen Fokus, unter dem sie schnell und effektiv zusammen arbeiten konnten. Es entstand die Initiative „San José Solar“. Eine der Arbeitsgruppen der Sommeruniversität, das Forum für Friedensjournalismus, startete eine Pressekampagne und eine Internet-Demonstration, um der kolumbianischen Regierung ein Zeichen zu geben: Europa kennt San José. Das Friedensdorf kann nicht im Stillen eliminiert werden.

Dadurch, so hoffen sie, gewinnen sie Zeit für die Planung von San José Solar. Dann gab es den Permakultur-Spezialisten Max Lindegger aus Australien, der bereits in vielen Krisengebieten der Erde geholfen hat, Überlebensgärten anzulegen.

Spezialisten der Lehmbauarchitektur könnten mithelfen beim Bau von Low-Cost-Häusern.

Das Solarteam von Tamera, das zur Zeit ohnehin dabei ist, ein Modell für ein Solar Village zu bauen, wird sich beteiligen. Solarspezialist Jürgen Kleinwächter sagte: „Es darf nicht sein, dass diese tapferen Menschen bedroht werden und die weltweite solare Gemeinschaft schweigt. Zusammen mit ihnen können und werden wir solare Systeme aufbauen, um Wasser zu reinigen, um Energie zum Kochen zu erzeugen und um Strom zu erzeugen für ihre einfachen Verarbeitungsmaschinen für Kakao und Bananen.“

Katja Long aus Tamera, Koordinatorin der Hilfe für San José: „Ich habe den tiefsten Respekt für diese Menschen. Sie tragen auch nach ihren schlimmen Erfahrungen keine Waffen und haben keinen Rachedurst. Sie wollen einfach leben. Wenn wir ihnen mit unserem Wissen, das wir in der Gemeinschaft und in unserem

Netzwerk entwickelt haben, helfen können, ist das eine große Ehre. Ich sehe das Experiment als eine Hoffnung – nicht nur für Kolumbien.“

Der Überlebensplan für San José, wie er mit den Teilnehmern der Sommeruniversität in Tamera weiter entwickelt wurde, sieht so aus: Ein ökologisches Modelldorf unter permanenter internationaler Präsenz und Begleitung. Langfristig könnte sich hieraus ein Permakultur-Modelldorf  für tropische Verhältnisse entwickeln, mit organischen Gärten, mit Solarsystemen und Pflanzenkläranlagen, mit einer Schule und einem Heilerhaus. Ein solches Experiment könnte, wenn es

internationales Renommee erhält, sogar die kolumbianischen Behörden mit Stolz erfüllen und sie dazu bewegen, es wirksamer zu schützen.

Inzwischen hat Hermann Scheer, Träger des Alternativen Nobelpreises und  Gründer der europaweiten Initiative für erneuerbare Energien, Eurosolar, angekündigt, die Schirmherrschaft für solare Pläne für das Projekt San José Solar zu übernehmen. Im September, bei einem internationalen Treffen in San José, werden drei Mitarbeiterinnen von Tamera dabei sein. Sie werden sich einen Eindruck von der konkreten Situation vor Ort verschaffen und Kooperationspartner suchen, mit denen die Visionen für San José Solar vertieft werden kann.

Viele Dinge werden noch in San José gebraucht: politische Verhandlungen mit den kolumbianischen Behörden, Gesundheitsversorgung, Hilfe für traumatisierte Kinder, innere Friedensarbeit mit Menschen, die zeitlebens nur Krieg kennen und vieles andere. Aber der Aufbau eines Ökodorfes kann der erste Schritt sein: eine internationale multikulturelle Baustelle, eine Basis für die innere Versöhnung, die in diesem verwundeten Land folgen muss.

P.S. Sie können helfen! Bitte lesen Sie die Informationen auf unserer Website www.sos-sanjose.org; schicken Sie den dort vorhandenen Appell per Fax an den kolumbianischen Präsidenten Alvaro Uribe. (Telefax: (00 57) 1 337 5890, (00 57)

1 342 0592 – faxen am besten nachmittags ab 15 Uhr) Oder schreiben Sie ihm in eignen Worten auf englisch oder spanisch, dass Sie von San José gehört haben, dass Sie gegen die dortigen Menschenrechtsverletzungen protestieren und dass Sie

möchten, dass es vor jeglicher militärischer Intervention und Präsenz geschützt wird.

 


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